Ausstellung
Wer um eine Skulptur herumgeht, sieht nie zweimal dasselbe. Die Astronomie nennt diese Verschiebung Parallaxe: Ein Objekt erscheint anders, je nachdem, von wo aus man es betrachtet. Der slowenische Philosoph Slavoj Žižek hat daraus eine Denkfigur entwickelt, denn für ihn gibt es keinen einen objektiven Blick: Was wir sehen und wie wir es deuten, verschiebt sich mit dem Standpunkt, den wir einnehmen.
Interessant ist dabei weniger die einzelne Perspektive als der Abstand zwischen zwei Perspektiven. In dieser Lücke entsteht Bedeutung. Erkenntnis stellt sich nicht ein, indem Unterschiede geglättet werden, sondern indem man sie nebeneinander stehen lässt und den Zwischenraum aushält.
Parallax versammelt vier künstlerische Positionen aus drei Ländern, die in Technik, Medium und Herangehensweise wenig miteinander teilen. Rosali Schweizer baut kinetische Objekte, die sich allein durch Luftzug und Licht bewegen. Nicholas Bodde malt in Öl und Acryl auf Aluminium. Eleonora Meier arbeitet mit Aquarell in ungewöhnlich grossen Formaten. Francesca Marconi zeigt mit «Manifesto al Presente» eine Ausstellung in der Ausstellung: eine Arbeit über Industriearbeit, Erinnerung und heutige Arbeitsverhältnisse, entstanden aus dem Archiv der Fondazione ISEC in Sesto San Giovanni.
Ein Faden verbindet die ersten drei Positionen: die Farbe. Doch schon hier greift das Prinzip der Parallaxe, denn Farbe ist nicht gleich Farbe. Bei Schweizer wird sie Material; fällt Sonne in den Raum, verändert sich die Arbeit – und mit ihr unsere Wahrnehmung. Bei Bodde steht sie buchstäblich im Vordergrund und strahlt von der Bildfläche in den Raum aus. Bei Meier trägt sie Stimmung und Erinnerung und kippt ins Traumhafte. Marconi setzt dem etwas anderes entgegen: Schwarzweissbilder aus einem Archiv, bei denen es nicht um die Wirkung von Farbe geht, sondern um die Frage, wie Bilder aus der Vergangenheit heute gelesen werden. Diese Reibung ist beabsichtigt.
Die Ausstellung behauptet keine einheitliche Lesart. Sie macht sichtbar, dass Wahrnehmung vom Standpunkt abhängt – auch ganz wörtlich: Wer durch die Räume geht, wechselt laufend die Position, und mit jedem Schritt entstehen neue Beziehungen zwischen den Arbeiten. Was am Ende zu sehen ist, hängt auch von den Besucherinnen und Besuchern ab. Werkliste