Parallax Parallax

5.9.–21.11.

Ausstellung

Wer um eine Skulptur herumgeht, sieht nie zweimal dasselbe. Die Astronomie nennt diese Verschiebung Parallaxe: Ein Objekt erscheint anders, je nachdem, von wo aus man es betrachtet. Der slowenische Philosoph Slavoj Žižek hat daraus eine Denkfigur entwickelt, denn für ihn gibt es keinen einen objektiven Blick: Was wir sehen und wie wir es deuten, verschiebt sich mit dem Standpunkt, den wir einnehmen.

Interessant ist dabei weniger die einzelne Perspektive als der Abstand zwischen zwei Perspektiven. In dieser Lücke entsteht Bedeutung. Erkenntnis stellt sich nicht ein, indem Unterschiede geglättet werden, sondern indem man sie nebeneinander stehen lässt und den Zwischenraum aushält.

Parallax versammelt vier künstlerische Positionen aus drei Ländern, die in Technik, Medium und Herangehensweise wenig miteinander teilen. Rosali Schweizer baut kinetische Objekte, die sich allein durch Luftzug und Licht bewegen. Nicholas Bodde malt in Öl und Acryl auf Aluminium. Eleonora Meier arbeitet mit Aquarell in ungewöhnlich grossen Formaten. Francesca Marconi zeigt mit «Manifesto al Presente» eine Ausstellung in der Ausstellung: eine Arbeit über Industriearbeit, Erinnerung und heutige Arbeitsverhältnisse, entstanden aus dem Archiv der Fondazione ISEC in Sesto San Giovanni.

Ein Faden verbindet die ersten drei Positionen: die Farbe. Doch schon hier greift das Prinzip der Parallaxe, denn Farbe ist nicht gleich Farbe. Bei Schweizer wird sie Material; fällt Sonne in den Raum, verändert sich die Arbeit – und mit ihr unsere Wahrnehmung. Bei Bodde steht sie buchstäblich im Vordergrund und strahlt von der Bildfläche in den Raum aus. Bei Meier trägt sie Stimmung und Erinnerung und kippt ins Traumhafte. Marconi setzt dem etwas anderes entgegen: Schwarzweissbilder aus einem Archiv, bei denen es nicht um die Wirkung von Farbe geht, sondern um die Frage, wie Bilder aus der Vergangenheit heute gelesen werden. Diese Reibung ist beabsichtigt.

Die Ausstellung behauptet keine einheitliche Lesart. Sie macht sichtbar, dass Wahrnehmung vom Standpunkt abhängt – auch ganz wörtlich: Wer durch die Räume geht, wechselt laufend die Position, und mit jedem Schritt entstehen neue Beziehungen zwischen den Arbeiten. Was am Ende zu sehen ist, hängt auch von den Besucherinnen und Besuchern ab. Werkliste

Impressionen

Künstler:innen

Rosali Schweizer (*1956 in Stuttgart) studierte Design und Metallbildhauerei an der Kunsthochschule Kassel bei Eberhard Fiebig und arbeitete danach beim Film – eine Erfahrung, die ihr Interesse am Zusammenspiel von Licht, Farbe und Bewegung geprägt hat. Ihre kinetischen Objekte bestehen aus dünnsten Stahldrähten, Acrylglas, Titan, Carbon- und Glasfasern. Anders als klassische Mobiles kommen sie ohne Motor und Mechanik aus: Ein Luftzug genügt, ein wechselnder Lichteinfall reicht, damit die Arbeit sich verändert. Farbe ist hier kein Auftrag auf einer Fläche, sondern ein Ereignis im Raum, das nie stillsteht.

Nach dem Malereistudium an der Hochschule für Künste Bremen hat Nicholas Bodde (*1962 in New York, lebt und arbeitet in Bremen) eine Malerei entwickelt, die auf Aluminium entsteht statt auf Leinwand. Der glatte, dünne Bildträger lässt die Farben leuchten und die Bilder leicht von der Wand abheben. Horizontale Streifen gliedern die Fläche und strahlen in den umgebenden Raum aus. Die Töne wählt Bodde nicht nach System, sondern im langsamen Malprozess selbst. So entstehen Kombinationen, die sich gegenseitig aufladen und je nach Blickwinkel und Tageslicht anders wirken.

Eleonora Meier (*1977 in Mendrisio, lebt und arbeitet in Zürich) hat in Amsterdam und Zürich Bildende Kunst studiert. Sie arbeitet mit Wasserfarbe auf Papier, oft in Formaten, die man mit dem Aquarell nicht verbindet – und nimmt der Technik damit das Beiläufige, das ihr lange angehaftet hat. In den grossformatigen Bildern trifft die Leuchtkraft der Wasserfarbe auf die härtere, dunklere Bleistiftzeichnung. Objekte, Materialien und unwirkliche Wesen begegnen sich in Kompositionen, die zwischen Traum und Albtraum kippen. Farbe trägt hier weniger Struktur als Stimmung.

Francesca Marconi arbeitet seit über zwanzig Jahren an partizipativen Projekten an der Schnittstelle von Kunst und sozialer Wirklichkeit. Für «Manifesto al Presente» ist sie in das Archiv der Fondazione ISEC in Sesto San Giovanni gegangen, eine der wichtigsten italienischen Sammlungen zur politischen und sozialen Geschichte des Landes. Die Schwarzweissfotografien zeigen die Werktore von Breda, Falck und Marelli, Arbeiterhöfe, Streikende – eine Industrielandschaft im Nordosten Mailands, in der die Künstlerin aufgewachsen ist und die es so nicht mehr gibt. An ihrer Stelle stehen heute Lager und Logistikzentren. Dem historischen Material stellt Marconi Gespräche mit Menschen gegenüber, die dort heute arbeiten. Ihr Projekt ist eine Ausstellung in der Ausstellung.